Zur Vorgeschichte... Ich bin auf dem Land aufgewachsen, fern von gut organisiertem öffentlichen Nahverkehr. Zum Glück hatte ich sehr zuvorkommende und fahrfreudige Eltern und meine Ausflüge ins Nachtleben fanden zum überwiegenden Teil erst später statt, als ich schon in einer echten Stadt wohnte. Für die wenigen Ausnahmen fand sich immer irgendwie eine Lösung und so stand ich nicht unter besonders großem Druck den Führerschein zu machen - anders als gefühlt jeder andere junge Mensch in meiner damaligen Situation. Das wollte ich ja auch gar nicht: Von klein auf hatte ich eine Abneigung gegen das selbständige Autofahren. Beifahrersitz und Rückbank waren kein Problem, selbst stundenlange Autofahrten konnten mit guter Musik und guten Büchern ohne Schwierigkeiten überbrückt werden. Bei der Vorstellung, selbst am Steuer zu sitzen wurde mir hingegen übel, das ging bis zu Panikattacken, Kopfschmerzen, spontanen Tränenausbrüchen... Also, wozu dann einen Führerschein machen? Zudem ich der Umwelt zuliebe sowieso für jede Förderung des Weniger-Autofahrens bin. Und danach habe ich dann ja immer in einer großen Stadt gelebt und brauchte einfach nicht selbständig auf vier Rädern mobil zu sein.
Doch irgendwie blieb der Gedanke immer hängen, dass ein Führerschein vielleicht doch erstrebenswert sei, der soziale Druck - "Das braucht man doch für den Job!" wurde nach und nach größer und irgendwann war ich nicht mehr zufrieden mit meinen "Ausreden". Hinzu kam ein motivierend gemeintes Ultimatum von 2 Jahren und das Angebot, mit einem Freund zusammen anzufangen. Diese Gründe bewegten mich schließlich, mich im Januar 2008 in einer Fahrschule anzumelden, die sehr nah an meiner Wohnung lag und laut einer spontanen Umfrage im Bekanntenkreis als sehr gut und vor allem mit einfühlsamen Fahrlehrern ausgetattet war. War auch am Anfang alles gar nicht so schlimm und durch den mitkommenden T. eine recht angenehme Veranstaltung. Die Theorie, wohlgemerkt. Dann musste ich aufgrund einer Erkrankung den Theorielehrgang unterbrechen. Als ich wieder einstieg, war T. nicht mehr dabei. Trotzdem zog ich es durch, da es nicht wirklich schwer war und auch nicht zu sehr von meinem sonstigen Leben abwich. Mit einem Onlinelehrgang bereitete ich mich auf die Prüfung vor und Anfang Juni hatte ich den Schein für die bestandene Prüfung in der Tasche. Bereits im Mai hatte ich mit den Stunden angefangen, das war ein weit schwerwiegenderes Übel.
Meinen ganzen Mut zusammennehmend und mit Tränen in den Augen, ging ich wieder zur "Chefin" (wie damals bei der Anmeldung, übrigens in ähnlichem Zustand) und fragte nach einem passenden Fahrlehrer. Sie bemühte sich sehr und suchte mir den besten für sie Angsthasen wie mich heraus und ich fand ihn auch echt völlig ok. Die ersten Fahrstunden waren die Hölle für mich, aber nach und nach sank der Qual-Anteil und nach Ablauf der Pflichtstunden hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass Autofahren sogar ein bisschen Spaß machen kann. Ein ganz kleines bisschen.
Dann war es Zeit, nach Berlin zu ziehen. Für die restlichen Fahrstunden und die Prüfung würde ich zurückkehren. Im August war es dann soweit. Die Prüfung. Ich war natürlich ziemlich aufgeregt, dachte aber, dass es schon irgendwie machbar wäre. Ich fuhr ohne allzu große Probleme - dachte ich. Am Ende wurde jedoch Bilanz gezogen und der Prüfer teilte mir mit, dass es nicht gereicht hätte. Da ich die gesamte Prüfungszeit verbraucht hatte und der Fahrlehrer zur nächsten Prüfung musste, musste ich dann also ganz alleine den Weg zurück in die Stadt laufen, heulend, weil ich zum ersten Mal im Leben eine Prüfung nicht bestanden hatte. Ich klagte diversen Menschen per Telefon mein Leid und wurde aufgemuntert. Am Ende war ich recht optimistisch, dass es beim zweiten Mal ja klappen müsste.
Das zweite Mal kam im September. Die Aufregung und das Unbehagen nahmen in den Tagen vor der Prüfung stetig zu und nach nicht einmal 15 Minuten war die Prüfung vorbei, weil ich völlig irrational gehandelt hatte. Danach beschloss ich, meine weitere Führerscheinanwärterkarriere in weniger befahrene Gefilde zu verlegen und wechselte (nach einigen Wochen des Prokrastinierens, Beziehungbeendens, Neue-Beziehungeingehens, Arbeitens und Bibberns zu einer Fahrschule auf dem Dorf. Die Überwindung wieder ins Auto zu steigen war riesig, aber Mio kam mit und war von Anfang an dabei, mehrere Fahrstunden lang. Dann war erstmal kein Prüfungstermin mehr frei und das Unvermeidbare wurde ins Jahr 2009 verschoben.
Im Januar dann wieder ein paar Fahrstunden (übrigens seit Dezember nur noch mit Beruhigungstropfen) und dann die Prüfung. Gescheitert nach etwa 20 Minuten wegen völligen Blackouts, totaler Verweigerung meines Gehirns und meines Willens. Darauffolgend dann stundenlange Weinkrämpfe und der Beschluss, mit einer etwaigen Wiederholung mindestens ein paar Monate zu warten. Die Deadline, die sich aus dem Datum der Theorieprüfung ergibt, liegt ja bei Anfang Juni.
Danach habe ich es geschafft, das Thema weitestgehend zu verdrängen. Ab und zu, besonders wenn ich irgendwo in einem Auto saß, kam es wieder hoch und mit ihm die Frage: Nochmal probieren oder einfach sein lassen? Gestern war es mal wieder soweit. Denn wenn ich es wirklich nochmal probieren wollen würde, müsste ich mich jetzt so langsam mal um Termine kümmern. Die verbleibende Motivation, den Führerschein zu machen, besteht inzwischen daraus, dass ich bisher ungefähr 2000 € und knapp 1,5 Jahre seelische Pein investiert habe. Sonst eigentlich nichts. Vielleicht noch die Angst, eine Niederlage einzugestehen. Auf der anderen Seite steht die endgültige Erledigung eines Seelenbelasters, das Umweltgewissen, die Kosten von bestimmt nochmal 400 € für weitere Fahrstunden und eine Prüfung, das Wissen, dass es auch ohne Führerschein geht...
Heute ist nun meine Entscheidung gefallen. Zu sagen wir 99,999999 %. Dazu haben zwei Dinge beigetragen:
1. Derjenige, der mir damals das Ultimatum stellte, ist seinen Führerschein wegen Alkohol am Steuer los. Er lebt in einem ÖPNV-schwachen Gebiet jetzt erstmal ohne. Und das gar nicht so schlecht. Abgesehen davon spielt er in meinem Leben nur noch eine sehr überschaubare Rolle, so dass ich neben der nicht mehr vorhandenen Verpflichtung (Ultimatum) auch nicht mehr das Gefühl habe, ihm etwas beweisen zu müssen, dass mich noch eine ganze Weile lang begleitet hatte.
2. Ich lese gerade mit zunehmender Begeisterung "Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdisziplin" von Kathrin Passig und Sascha Lobo. Die für mich bisher wichtigste Erkenntnis ist, dass man nicht immer unbedingt sich selbst ändern muss, wenn man in Konflikt mit "dem System" gerät. Manchmal ist es sinnvoller, energiesparender und freudvoller, wenn man bestimmten Aspekten des Systems aus dem Weg geht und sich einen anderen Weg sucht.
Also, Du komische Welt, die meint, ich bräuchte einen Führerschein: Nix is. Ein Führerschein passt nicht zu mir, das sagt mir mein Gefühl schon seit bestimmt 10 Jahren. In den letzten 1,5 Jahren hat mein Körper die Abwehr dagegen manifestiert (und vielleicht dabei die Abwehr gegen diverse Krankheitserreger vernachlässigt?). Ich verschwende jetzt keine Energie mehr damit, mich selbst zu überreden und zu disziplinieren, um eine Sache zu erreichen, die ich gar nicht wirklich will und die mir schon beim Gedanken daran Kopfschmerzen und Tränen verursacht. Nein, nein, nein. Die Energie stecke ich jetzt lieber ins Finden von Alternativen, in das Pflegen von Beziehungen zu Leuten, die mir in Notsituationen als Fahrer zur Verfügung stehen und in die Beschaffung von finanziellen Mitteln, die es mir in Zukunft erlauben, Züge, Busse, Mitfahrgelegenheiten und Lieferdienste in Anspruch zu nehmen. Aus die Maus. Freiheit!